Quelle "Bürgerwelle"

Lieber Leserin, lieber Leser,

nehmen wir einmal an, Sie bekämen einen Beipackzettel in die Hand, der folgende Risiken nennt: Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen, Grauer Star, erhöhter Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Migräne, Schwindel, Potenzstörungen, Störung der Blutbildung, Müdigkeit, Allergien, Immunschwäche, beschleunigtes Krebswachstum. Würden Sie sich nach Kenntnis dieser gesundheitlichen Gefahren immer noch trauen, ein Handy zu benutzen? Denn es handelt sich hier nicht etwa um ein Medikament, sondern diese Störungen des menschlichen Organismus können tatsächlich beim mobilen Telefonieren auftreten. Und nicht nur während des Telefonierens selber, sondern fortwährend, also 24 Stunden lang - sofern man in der Nähe einen Sendemast stehen hat. Und solche Anlagen stehen fast in jedem Dorf. 40000 Mobilfunkstandorte gibt es gegenwärtig in Deutschland. Täglich kommen schätzungsweise rund 100 dazu. Immer mehr Menschen haben Angst. Manchmal sind es ganze Dörfer mit ihrem Bürgermeister oder dem Landrat an der Spitze, die gegen die Installation von Sendemasten zu Felde ziehen. Das tun sie nicht, weil sie zum Fanatismus neigen oder sonstige hysterische Wallungen verspüren. Sie sind einfach um ihre Gesundheit besorgt. Denn es warnen immer mehr Wissenschaftler. Es warnt die Bundesärztekammer. Es warnt die AOK. Es warnen die Fluggesellschaften. Und der Staat, die Behörden, die Ministerien? Was tun die? Sie nehmen die Sorgen der Bürger ernst – und warten erst einmal ab. Oder sie geben Studien in Auftrag. Die ehrgeizigste und weltweit einzige ist jetzt im bayerischen Umweltministerium veröffentlicht worden: die Rinderstudie. Denn auch das liebe Vieh besteht aus Fleisch und Blut und ist den elektromagnetischen Handystrahlen ausgesetzt.   38 Bauernhöfe in Bayern und Hessen waren in die zweijährigen Untersuchungen einbezogen. Die Universitäten München und Gießen waren federführend. Das Ergebnis: 1. kein direkter Zusammenhang zwischen der Strahlung und der Gesundheit der Tiere, 2. kein Gefährdungs-Szenario, 3. "keine neuen Aussagen". Wir können uns also beruhigt und entspannt zurücklehnen. Können wir? Wir könnten es, gäbe es da nicht eine Reihe von Ungereimtheiten. So wurde die Abgabe der Studie, obwohl für Juni 2000 vorgesehen, immer wieder verschoben. Ob die UMTS-Versteigerung im August durch negative Verlautbarungen nicht gestört werden sollte? Ob glättende und verharmlosende Nachbesserungen nötig waren, nachdem durchgesickert war, dass das Material so brisant war, dass sogar die Politik zum Handeln gezwungen wäre? Eine Gefährdung, heißt es jetzt im Umweltministerium, sei nicht gegeben, aber auch nicht 100-prozentig auszuschließen. Ja, was denn nun? Weiter: Auffälligkeiten durch den Mobilfunk z. B. auf die Milchleistung seien nicht erkennbar. Andererseits wünscht man sich dringend  Folgeuntersuchungen unter besser kontrollierten Bedingungen. Ja, hat man etwa geschlampt? Was ist eine Studie wert, wenn sich herausstellt, dass man allein schon bei der Auswahl der Betriebe Fehler gemacht hat? Was ist eine Studie wert, an der möglicherweise herummanipuliert worden ist? Was sind überhaupt Studien wert, die zur Hälfte (nämlich mit 400 000 Mark) von den Mobilfunkbetreibern bezahlt werden? Ein Skandal schwebt in der Luft. Mittlerweile laufen andere Untersuchungen, wie z. B. die WHO-Studie über die Krebsgefährdung des Handys, weiter. Und es ist, liebe Leserin, lieber Leser, nur zu hoffen, dass diese und andere Studien rasch widerspruchsfreie Ergebnisse bringen. Denn mit Beipackzetteln, wie sie jetzt Handys in England beigelegt werden müssen, ist es nicht getan.