Ratgeber
Kleinkinder 1/2000
Babyphone
Lauschangriff
am Kinderbett
Babyphone
überwachen in vielen Familien den Schlaf des Nachwuchses. Wenn sie nicht
richtig platziert werden, verursachen sie Elektrosmog, obwohl die
Hersteller viele Forderungen von ÖKO-TEST zur Verbesserung der Geräte
erfüllt haben.
Grillen
im Garten, während das Kind im ausgebauten Dachgeschoss friedlich
schlummert. Oder ein gemütlicher Abend bei den Nachbarn, nachdem der Sprössling
in seinem Bettchen zu Hause eingeschlafen ist: Ohne Babyphone sind solche
Situationen für viele Eltern nicht denkbar. Die auch
"Babysitteranlagen" oder "Babyfunkgeräte" genannten
Apparate übertragen die Geräusche aus dem Kinderzimmer nicht nur ins
Wohn- oder Schlafzimmer der Eltern. Viele Babyphone haben eine größere
Reichweite, damit der Nachwuchs auch noch in hundert Meter Entfernung zu hören
ist.
Abgehört werden die Kinder entweder über das Stromnetz oder über Funk.
Der Sender kommt im ersten Fall im Kinderzimmer in eine Steckdose, der
Empfänger in einen Stecker in der Nähe der Eltern. Babys Brüller wird
dann über die haus- oder wohnungseigene Elektroinstallation übertragen.
Das funktioniert aber nur, wenn kein zweiter Sicherungskasten
zwischengeschaltet ist. Funkende Babyphone dagegen können auch mit zu
Nachbars eine Etage höher genommen werden. Deshalb geht der Trend
eindeutig zu solchen Geräten.
Neu auf dem Markt ist ein Gerät, das nach einem ganz anderen Prinzip
funktioniert: Das Babyfon Telcare BT 100 von der Firma Vivanco leitet die
Geräusche des Babys über die Telefonleitung weiter. Wenn das Kind weint
und ein bestimmter, frei wählbarer Geräuschpegel überschritten wird, wählt
der Sender automatisch eine einprogrammierte Telefonnummer an. Bei Mama
oder Papa klingelt dann das Telefon und der Nachwuchs ist über den Hörer
zu empfangen. Gleichzeitig können die Eltern über einen Anruf an die
Sendestation im Kinderzimmer hören, ob der Sprössling ruhig schlummert.
Voraussetzung für den Betrieb des neuartigen Babyphones ist aber, dass es
eine Telefonbuchse in der Nähe des Kinderbettchens gibt. Außerdem dürfen
die Eltern möglichst nicht telefonieren, da sonst im Falle eines Alarms
besetzt ist.
Um zu verstehen, was wir an den
Babyphonen getestet haben, hier eine kurze Auffrischung der
Physikkenntnisse: Elektrosmog wird von so genannten niederfrequenten
elektrischen und magnetischen Feldern sowie von hochfrequenten
elektromagnetischen Wellen verursacht. Nicht nur bei Babyphonen tauchen
beide Quellen für Elektrosmog auf - sondern auch bei Heizdecken, Haarföhnen,
Radioweckern oder schnurlosen Telefonen.
Ein elektrisches Wechselfeld - gemessen in Volt pro Meter (V/m) -
entsteht, sobald ein Gerät mit dem Netz verbunden wird. Dabei ist es
gleichgültig, ob es eingeschaltet ist oder nicht. Ein magnetisches
Wechselfeld - gemessen in Nanotesla (nT) - tritt zusätzlich auf, wenn das
Gerät eingeschaltet ist und Strom fließt.
Hochfrequente elektromagnetische Wellen kommen hinzu, wenn das Babyphone
funkt - in der Regel zu erkennen an der Antenne. Elektromagnetische Wellen
werden in W/cm2 angegeben. Solche Phone funken auf drei unterschiedlichen
Frequenzen: 27, 40 und 433 Megahertz (MHz). Doch nicht nur Babyphone, auch
CB-Funker oder Kinderspielzeug haben meist die 27-MHz-Wellenlänge, was
Eltern manchmal des Nachts das Leben schwer macht. Denn nicht nur Babys
Weinen, sondern auch der neueste Funker-Klatsch oder die Störgeräusche
von ferngesteuerten Rennwagen ist plötzlich zu hören.
Einige Firmen haben ihre Geräte deshalb mit einem so genannten Pilotton
ausgestattet. Dies ist ein spezielles Signal, woran das Empfängerteil
erkennt, dass ihm tatsächlich "sein" Sender Babygeschrei übermittelt
- und nicht der vom Nachbarn.
Die Wirkung von Elektrosmog auf den menschlichen Organismus ist bis heute
ein heiß umkämpftes Thema unter Wissenschaftlern. Besonders im Zuge der
im Januar 1997 verabschiedeten deutschen Elektrosmog-Verordnung kam es zu
heftigen Debatten. Während die einen vor den gesundheitsschädlichen
Auswirkungen der Strahlen warnen, tun dies die anderen als überzogene,
wissenschaftlich nicht haltbare Vermutungen ab. Trotzdem orientieren sich
die Hersteller von Computer-Bildschirmen an der schwedischen TCO-Norm, die
in einem Abstand von 30 Zentimetern nur noch 10 V/m niederfrequente
elektrische Felder und 200 nT magnetische zulässt. Dagegen erlaubt die
deutsche Elektrosmog-Verordnung mit 5000 V/m bzw. 100000 nT das 500fache
der inzwischen weltweit akzeptierten Computer-Norm.
Die TCO-Norm gilt zwar offiziell nur für Computer-Bildschirme. Aber mehr
Elektrosmog als Programmierern oder Internet-Surfern sollte kleinen
Kindern auf keinen Fall zugemutet werden. Wissenschaftliche Studien zeigen
zudem, dass der Hormonhaushalt gerade in der nächtlichen
Regenerationsphase anfällig für elektrische und magnetische Störungen
ist.
Für hochfrequente Strahlen gibt es keine "Schwedennorm". Auch
die deutsche Elektrosmog-Verordnung legt nur Grenzwerte für öffentliche
Anlagen wie Hochspannungsleitungen, Trafostationen oder Funktürme fest. Für
private Elektrogeräte, die hochfrequente Wellen erzeugen - Handys etwa
oder Babyphone - gibt es keine Beschränkungen. Über die gesundheitlichen
Auswirkungen ist von offizieller Seite bislang nur akzeptiert, dass die
Wellen Körpergewebe erhitzen können.
Der Arbeitskreis Immissionsschutz der Umweltschutzorganisation BUND
fordert dagegen niedrigere Werte in Schlaf- und Ruheräumen - für hoch-
wie für niederfrequente Strahlen. "Wir wissen noch zu wenig über
die Auswirkungen von Elektrosmog und sollten auf Nummer sicher
gehen", betont Arbeitskreis-Mitglied Bernd Rainer Müller. Der
Ingenieur für Arbeitssicherheit und Messtechnik vertritt den BUND in der
Deutschen Elektrotechnischen Kommission.
Trotz aller wissenschaftlicher Debatten und Suche nach Grenzwerten steht längst
fest, dass selbst schwache elektromagnetische Felder die menschliche
Gesundheit auf Dauer beeinträchtigen können. Es besteht auch weiter der
Verdacht, dass Kinder häufiger an Leukämie erkranken, wenn sie in der
Wohnung stärkeren elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind. Dies
zeigten zwei im April 1998 veröffentlichte Untersuchungen in
Niedersachsen und Berlin. Die Ergebnisse hätten einen Hinweis auf einen möglichen
Zusammenhang gegeben, so Professor Jörg Michaelis, der an der Mainzer
Universität das nationale deutsche Krebsregister führt. Eine kürzlich
veröffentlichte Studie aus England konnte den Verdacht allerdings nicht
bestätigen, eine deutsche bundesweite Untersuchung wird voraussichtlich
Ende des Jahres ausgewertet sein.
Wir haben 29 Babyphone von dem Neusser Baubiologen Wolfgang Maes testen
lassen. Das billigste, den Bébé Confort Babysitter gibt es schon für
59,95 Mark. Das Babyfon Telcare BT 100 ist mit 299 Mark das teuerste. Die
empfehlenswerten Geräte finden sich allerdings eher in der oberen
Preisklasse.
Das sind unsere
Testergebnisse
In
Sachen Elektrosmog ist das teuerste Gerät das Beste: Es erzeugt überhaupt
keinen Elektrosmog. Der Hinweis "kein Elektrosmog" steht fälschlicherweise
allerdings auch auf anderen Geräten der Herstellerfirma Vivanco.
Bis auf eines senden die getesteten Babyphone nicht mehr permanent,
sondern nur noch, wenn es tatsächlich ein Geräusch im Kinderzimmer gibt.
Das hat ÖKO-TEST seit Jahren gefordert, denn dadurch verringert sich die
Strahlenbelastung.
Wie das ÖKO-TEST-Magazin ebenfalls immer gefordert hat, schreiben die
Anbieter jetzt einen Mindestabstand von einen Meter vom Gerät zum Baby
vor. Ein entsprechender Hinweis fehlt lediglich auf dem billigsten Gerät,
dem Bébé Confort Babysitter.
Allerdings
muten 22 Babyphone dem Nachwuchs noch in einem Meter Entfernung zu viel
Elektrosmog zu. In den meisten Fällen sind nicht einmal die Geräte
selbst, sondern die Kabel dafür verantwortlich.
Die Funktionsfähigkeit der Geräte wird durch den Sicherheitsabstand
nicht beeinträchtigt. Alle reagierten schon auf Geräusche von 40 bis 45
Dezibel. Das entspricht dem Ticken einer Uhr, dem Rauschen von Blättern
oder Regen.
Zwei Geräte lassen sich nicht mit Batterien oder Akkus betreiben. Diese
sind zwar schnell aufgebraucht, vermeiden aber Elektrosmog durch
niederfrequente Felder.
Elektrosmog macht krank
Eine mögliche Erklärung für die gesundheitlichen Probleme durch
Elektrosmog ist die Wirkung auf die Zirbeldrüse im Gehirn. Sie wird über
schwache elektrische Impulse gesteuert und produziert das
Wach-Schlaf-Hormon Melatonin. Beeinträchtigungen der Zirbeldrüse werden
für Störungen des Immunsystems, Allergien, Nervosität, Sehstörungen,
Migräne, Reizbarkeit, Depressionen, Schlaflosigkeit und Wachstumsstörungen
verantwortlich gemacht. Da Melatonin eine Krebs hemmende Wirkung hat, kann
ein Absinken des Spiegels die Krebsentstehung begünstigen.
Was
tun?
Ein
Babyphon hat direkt im Kinderbettchen nichts zu suchen. Ein
Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter - auch zu den Netzteilen
oder Kabeln - verringert die Belastung mit Elektrosmog.
Funk-Geräte können fast immer auch mit Batterien oder Akkus betrieben
werden. So verhindert man zumindest Elektrosmog durch niederfrequente
Felder.
Die Reichweite der Baby-Wächter ist ganz unterschiedlich - ganz gleich
was auf der Verpackung steht. Die Firmen messen sie auf freiem Feld. Im täglichen
Gebrauch können aber Stahlbetondecken oder hohe Bäume die Reichweite
stark beeinträchtigen. Deshalb muss man die Geräte immer ausprobieren.
Von so genannten Baby-Monitoren - Überwachungsgeräten mit Sensormatten,
die auch Bewegungen und die Atmung von Risiko-Babys kontrollieren - rät
die Gesellschaft zur Erforschung des plötzlichen Kindstodes (GEPS) ganz
ab.
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